|
Eine Reise in das Innere der Körper und darüber hinaus. Die Kunst der Alicja Zebrowska (Fragment) |
| Trans-fero - oder: die Umkehrung der Zeit |
| Der Gedanke der Metamorphose bestimmt nich
nur das Onone–Projekt, sondern ist im Werk von Alicja Zebrowska seit langem
angelegt. Er ist auch nicht nur auf die Spielarten der body art eingeschraänkt,
auf die Ästheitk des hybriden Körpers, sondern findet sich auch in Land–art–Projekten
von Alicja Zebrowska. So installierte sie 1992 eine leuchtend helle, rechteckige
Stele auf einem Gipfel von Koscielic in der Tatra, nicht fern von dort,
wo die Künstlerin geboren wurde. Auf einem kleinen Plateau des Gebirges
errichtete sie eine kreisrunde Pyramide aus feinem hellem Sand. Das Projekt
hieß: ”Trans–Fero” (von lateinisch: transfero – ich trage hinüber, ich
versetze, ich verlagere, ich übertrage Metapher, ich verwandele = Metamorphose).
Die Materialien hatte alicja Zebrowska 150 KM entfernt in einem Steinbruch
gewonnen. Der Sinn dieser Aktion ist eine Art ritueller Rückerstattung. Der Sand und der Sandstein wurde in den Jahrmillionen der Erdgeschichte durch Erosion vom Tatragebirge abgetragen, zermahlen oder gepreßt, und weit vom Ort seines Ursprungs abgesetzt. Diesen geologischen Prozeß drehte Alicja Zebrowska um: der Zeitpfeil der geologischen Zeit, der nur eine Richtung kennt, wird im künstlerischen Prozeß verkehrt. Das Zurücktragen des Sanders, das Transferieren, hinauf auf die Tatra wird zu einem Zeit–Zeichen so wie Stele und Pyramide zur Chiffren eines geologischen Ursprungs werden. Kunst ist hier Spurenlese und Spurenauslegung im Horizont der Weltzeit – jenseits der Zeit der Humangeschichte. Es ist ein ästhetischen Operieren auch im Unvorstellbaren. Was sind Hahrmillionen? Ist das langsame Abtragen von Sandstein–Massiven, das Transportieren über hunderte von Kilometern, dieses Zerlegen von Gebirgen in feinen Sand nicht etwas Unvorstellbares? Immanuel Kant nannte diese Dimension jenseits sinnlicher und imaginativer Maße: das Erhabene. Alicja Zebrowska inszeniert das Erhabene keineswegs in imposanten Größen, sondern eher durch kleinformatige Zeichensetzung. Stele und Pyramide erinnern zwar an historische Monumental–Architektur, in welcher imperiale Macht sich demonstrierte. Hier aber verschwinden diese Formen in der schroffen, dunklen Massivität der Tatra – und doch sind sie in ihrer fast weißen Leuchtkraft und in der Regelmäßigkeit ihrer Form unverkennbar ein Zeichen, das nur durch Menschen hervorgebracht sein kann und zugleich etwas Transhumanes signifiziert: das Ungeheuere der geologischen Tiefenzeit. Diese ist nicht anwesend, wohl aber angezeigt in diesen bescheidenen Zeichen, mit denen Alicja Zebrowska die anmaßende Monumentalität des archtektonischen Bauwillens angesichts der gewaltigen Dimension der Natur zurücknimmt auf ein wahrhaft menschliches Maß. Alicja Zebrowska demonstriert aber auch, was Zeichen überhaupt sein sollen oder können: „Transferierung nämlich ist dasselbe wie ’Metapher’, was im Griechischen ’Hinübertragen’ (metaphorein) heißt. Alicja Zebrowska hat dies wörtlich genommen, indem sie Sand über 150 km ’zurückgetragen’ hat auf den Gipfel der Tatra: dieser Vorgang enthält indessen eine geheimnisvolle Tiefendimension des Zeichenprozesses. Was die Künstlerin hier vollzieht, ist ja ein Ritus, ein magisches Zeremoniell, bei welchem ’Etwas’ substituiert und verwandelt, transferiert wird nicht nur von einem zu einem anderen Ort, sondern auch von einem zu einem anderen Satus. Die Zeichen werden jener Stelle zurückerstattet, von wo aus das, was jetzt Zeichen ist, einst materialiter entrsprang. Könnte es sein, daß von dieser Struktur, die auch die Logik des Opfers ist, der semiotische Prozeß im ganzen bestimmt wird? Will alicja Zebrowska sagen, daß unsere Zeichentheorien, die von der Konventionalität und Arbitrarität des Zeichens ausgehen, oberflächlich oder gar falsch sind? Gibt es in der Kunst noch Vorgänge, wo die semiotische ückerstattung´daren erinnert, daß zuletzt die Zeichen eine Art Opfer sind – das ersetzende Setzen von Signifikanten an die Stelle, wo Substanzen waren, von denen noch das ’entfernteste’ Zeichen über alle Räume und Zeiten hin abhängig bleibt? Dies sind Fragen, die zu schwer sind, um sie hier klären zu können. Sicher aber ist, daß Alicja Zebrowska mit der Installation „rans-Fero” nicht nur ein Strück Land–Art machen wollte, sondern den Prozeß des Semiotischen, des Metaphorischen und der (geologischen) Metamorphose explorieren wollte. Das verbindet diese Installation mit den so anders erscheinenden Projekten der Body Art. |